Färöer Inseln: Musikalisches Epizentrum im Nordatlantik


Die Färöer Inseln liegen im Nordatlantik zwischen den Britischen Inseln, Norwegen und Island. Hier wohnen 48.000 Menschen; Tórshavn ist mit 12.000 Einwohnern der einzige Ort auf den 18 Inseln, der als Stadt bezeichnet werden könnte. Unbedarft würde man erst einmal vermuten, dass hier der Hund begraben liegt. Aber falsch gedacht: Auf diesen 18 Inseln herrscht ein musikalischer Output, der in Relation zur Einwohnerzahl vielerorts seinesgleichen sucht. Hier wird im Schnitt ein Album die Woche veröffentlicht; und das in einer enormen stilistischen Bandbreite von Jazz, Folk, World über Singersongwriter, Metal, Pop und elektronischer Musik. 

Bemerkenswerterweise werden auf den Färöer Inseln musikalische Schubladen nicht so eng gesehen wie in den meisten Pop-Nationen. Hier ist es kein Widerspruch, zugleich beispielsweise Metal, Jazz und Pop zu produzieren. Und genau dies gibt der Musik einen gewissen verschrobenen Anstrich, der sie – neben dem teilweise auch färöischen Gesang – zu etwas ganz eigenem erhebt. 

Zudem ist die Musikszene auf den Färöer Inseln eng miteinander verzahnt und viele Musiker spielen in mehreren Bands gleichzeitig: Janus Rasmussen, der mit dem Isländer Ólafur Arnalds das Elektro-Duo Kiasmos bildet, spielt auch in den Bands Bloodgroup und Byrta. In letzter Band wirkt die Singersongwriterin Guðrið Hansdóttir mit, die zudem auch bei Kata mitmacht – einem Quartett, das traditionelle färöische Musik zeitgemäß interpretiert. Der Musiker und Filmemacher Heiðrik á Heygum wiederum hat Musikvideos für BYRTA, Eivør oder ORKA gedreht.  Und bei dem experimentiellen Quintett Orka machen immer mal wieder Musiker wie Benjamin, Sakaris, Teitur oder Kristian Blak mit. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt der quirligen und lebendigen Musikszene der Inseln. 

Kristian Blak ist ein wichtiger Name vor Ort. Der 68-jährige Jazz-Musiker kann mit Fug und Recht als der Pate der färöischen Musikszene bezeichnet werden. Das erste färöer Musiklabel TUTL wurde von ihm mit Freunden Ende der Siebziger gegründet und ist bis heute das bedeutendste der Inseln. In dem dazugehörigen Plattenladen in Tórshavn gibt es regelmäßig Auftritte lokaler Bands. 

Da die Färöer Inseln nicht von der dänischen Musikexport-Förderung abgedeckt werden, ist es für viele Künstler vor Ort schwer, auf dem Festland Fuß zu fassen, da durch die teuren Flugreisen das Touren direkt zu einem immensen Kostenaufwand wird. Deshalb verlassen viele Musiker für eine zeitlang ihr Heimat. Wie auch der bekannteste färöische Singersongwriter Teitur, der nach Stationen in Dänemark und New York nun in London gelandet ist – aber mittlerweile wieder nach einem Haus auf den Inseln schaut. 

Ein wichtiger Termin für alle Musiker und Musik-Interessierten ist das G!-Festival, das jährlich im Juli am Strand des Ortes Syðrugøta stattfindet. Hier kann es schon einmal vorkommen, dass man als Zuschauer nasse Füße bekommt, da die einzelnen Inseln immer wieder vom Meer überspült werden. Solch eine Nähe zur Natur – inklusive Blick aufs Meer und die Berge – bekommen Festivalgänger seltenst geboten. Das Line-Up beinhaltet sowohl internationale als auch färöische Künstler. 


Anspieltipps

Einen allumfassenden Einblick in die Musikszene der Färöer Inseln zu geben, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen. Deshalb haben wir für euch Künstler herausgesucht, die wir besonders bemerkenswert finden.

Teitur
Natürlich darf in dieser Aufzählung der erfolgreichste Musikexport der Färöer Inseln nicht fehlen. Der Singersongwriter wurde 2006 mit der Single "Loius Loius" bekannt und veröffentlicht seitdem ein betörendes Album nach dem anderen - zuletzt "Story Music" im Jahr 2013.


Eivør
Die Sängerin ist der größte Popstar der Inseln, interpretiert mit ihrer markanten Sopranstimme traditionelle färöer Musik und eigene Kompositionen und bedient sich dabei sämtlicher Stile von Folk und Jazz über Pop, Elektro bis hin zu Klassik. 


Byrta
Das Elektro-Pop-Projekt ist eine Zusammenarbeit von Janus Rasmussen (u.a. Kiasmos, Bloodgroup) und der Sängerin Guðrið Hansdóttir. Das Resultat: verträumte Dancemusic auf Färöisch.


Guðrið Hansdóttir
Solo schlägt die Singersongwriterin lieber leisere Töne an und begeistert mit sachtem Folkpop, der sich umgehend ins Herz bohrt. 


Budam
Intensiv, intensiver, Budam. Der Sänger verströmt eine düstere Dringlichkeit, die einen kaum unberührt lassen kann. Zeitlos und eigentümlich zugleich. 


Heiðrik á Heygum
Wenn er nicht gerade Videos für seine Musiker-Kollegen oder Filme dreht, macht der Allround-Künstler auch Musik, die dunkle Elektronik mit eindringlichem Gesang kombiniert. 


Orka
Die Experimental-Elektroniker haben zu Beginn all ihre Instrumente selber aus Altmetall, Zaunpfählen, Fernsehantennen oder Ölfässern gebaut - dass die Einstürzenden Neubauten als eine bedeutende Referenz genannt werden, kommt also nicht von ungefähr. Auch wenn Orka bei weitem nicht so brachial herüberkommen.


Marius Ziska
Die Band singt auf Englisch und Färöisch verzaubert mit zarter Singersongwriter-Musik - behutsam, unprätentiös und einfach wunderschön.


AKAT
Die Sängerin Anna Kathrin Egilstrøð erinnert stimmlich ein wenig an die junge Björk. Und wirkt auch - im positivsten Sinne - ähnlich entrückt wie ihre isländische Kollegin. 


Högni Reistrup
Fluffiger Elektro-Pop auf Färöisch, der einen wohlig beim Zuhören dahingleiten lässt - und hier und da immer mal wieder kleine Melancholie-Sprengsel einbaut. 


Vielen Dank an Angela Teistler für die enorme Unterstützung bei der Recherche.