Flow Festival in Helsinki: Stilvolle Reizüberflutung


  • Flow Festival Helsinki Finnland
 Flow Festival. Bild: Samuli Pentti

 Flow Festival. Bild: Samuli Pentti

Dass Massive Attack hochpolitisch sind und daraus auch bei ihrer Live-Performance keinen Hehl machen, ist wohl keine Neuigkeit. Und auch ihre Vorliebe dafür, immer wieder andere Künstler ins Boot zu holen, ist allgemein bekannt – verliehen doch vielen ihrer größten Hits wie „Unfinished Sympathy“ oder „Teardrop“ Gastsängerinnen wie Shara Nelson oder Elizabeth Fraser ihre Stimme.  Für ihren Auftritt auf dem Flow Festival in Helsinki holten sich die Briten die schottische Hip-Hop-Band Young Fathers, die auch auf ihrer aktuellen EP „Ritual Spirit“ mitwirkten, für ausgewählte Songs auf die Bühne. Und was soll man sagen: Wütender, aufgewühlter und dringlicher wurden Massive Attack bislang kaum performed. Während die Live-Visuals im Hintergrund auf Themen wie die Geflüchteten-Krise, Brexit oder Terror aufmerksam machten, wechselten sich die unterkühlt-düstere Umsetzung Massive Attacks mit einer aufbrausenden Bühnenshow der Young Fathers ab. Eine sich wahnsinnig gut ergänzende Kollaboration, bei der die Trip-Hop-Altmeister nahezu an die Wand gespielt wurden.

Massive Attack & Young Fathers. Bild: Andrew Taylor/ Flow Festival

Massive Attack & Young Fathers. Bild: Andrew Taylor/ Flow Festival

Mehr als 100 Künstler auf elf Bühnen

Sicherlich eine der beindruckendsten Shows auf dem Flow Festival in Helsinki. Hier spielten an drei Tagen über 100 Künstler auf elf verschiedenen Bühnen. Die Booker des Flow Festivals haben ein gutes Händchen dafür, alte Helden und neue Acts, internationale Musiker und finnische Künstler, Pop und Abseitiges zu kombinieren – und so ein vielfältiges Festival zu schaffen, das einen fordert. Wenn man es denn lässt.

Den größten Nervenkitzel bot die britische Sängerin Anohni im Vorfeld ihres Auftritts: Wegen einer Grippe in der Woche zuvor alle Festivalgigs gecancelt, zitterten die Besucher, ob sie es denn zu ihrem Auftritt am Sonntag schaffen würde. Und ja: Punkt 23 Uhr stand Anohni da, ganz in schwarz gekleidet und komplett – auch das Gesicht - verhüllt. Auf Videoleinwänden bewegten verschiedene Frauen ihre Lippen synchron zu den Songs, begleitet von Anohnis unwirklicher und entrückter Choreografie. Mit der bombastischen Präsentation ihres Protestalbums „Hopelessness“ verlieh sie so, quasi second-hand, ihre Stimme denjenigen, die kaum bis nie gehört werden.

Vom alten Helden bis zu Neuer Musik

Iggy Pop turnte trotz seiner knapp 70 Jahre wie wildgeworden auf der Hauptbühne herum, verpulverte direkt zu Beginn seine größten Hits „I Wanna Be Your Dog“, „The Passenger“ und „Lust for Life“ - und brachte die Crowd komplett zum Ausrasten. FKA twigs verzauberte mit einer sehr eigenenen Mischung aus Distanz und straighter Sexyness, um diese wieder mit einem schüchtern-entwaffnenden Lächeln zu brechen. Ihr ausgeklügelter R'n'B-Entwurf, unterstützt von einer umwerfenden Choreografie, hinterließ ein hypnotisiertes Publikum.

Inmitten all des Festivaltrubels bot die Bühne „The Other Stage“ Raum für besonders experimentelle und genreüberschreitende Musik. Das NYKY-Ensemble aus Helsinki spielte dort Stücke des Minimal-Music-Pioniers Steve Reich – manche dieser Kompositionen wurden zum ersten Mal live in Finnland aufgeführt. Das Duo Myttys, bestehend aus Samuli Tanner (Clouds, Siihhi) und Heta Bilaletdin, betörte mit einer Mischung aus Synthies, elektronischem Geplucker, Samples und Gesangsspuren – dazu passte sehr gut, dass dieser Konzertbereich mit Matrazen und Kissen ausgelegt war.

Doch zurück zur großen Bühne: Liima, die aus dem finnischen Percussionisten Tatu Rönkkö und der dänischen Band Efterklang bestehen, spielten ein sogar für ihre Verhältnisse wuchtiges Set – und das mit einer solchen Spielfreude, dass ihnen umgehend die Herzchen der Zuschauer zuflogen. Rönkkö spielte einen Tag später mit seinem Projekt Kosminen Rönkkö! auf der spektakulären Bright Balloon 360° Stage.

Bright Balloon 360° Stage. Bild: Samuli Pentti

Bright Balloon 360° Stage. Bild: Samuli Pentti

Musikalische und kulinarische Bandbreite

Die finnischen Death Hawks versprühten mit ihrem Psychedelic Rock und Led-Zeppelin-Gedächtnis-Outfits ein wenig Sandelholzatmosphäre. Und Daughter brachen mit ihrem intensiven Düster-Sound, der live erstaunlich noisige Ausbrüche hatte, diverse Indieherzen in den Zuschauerreihen.

Die Australierin Sia absolvierte einen ihrer wenigen Live-Performances, der britische Muffel-Grandseigneur Morrissey ließ neben seinen Solo- und The-Smiths-Songs seinen Unmut über die Welt an sich vom Stapel und Sänger Alex Turner machte beim Gig der Last Shadow Puppets mit seinem James-Dean-Look und elvishaften Hüftschwung besonders die jüngeren Fans in den ersten Reihen glücklich. Ob Jaakko Eino Kalevi oder M83, Chvrches, Savages oder Anderson Paak – die Bandbreite an Bands auf dem Flow war enorm.

Und wer zwischendurch eine Konzertpause einlegen wollte, konnte sich bei einem Spaziergang durch die kleine Festivalstadt Kunst anschauen, ins Kino setzen, an der Champagnerbar ein wenig Luxus spielen oder an einem der 40 Essensstände zwischen Fast-, Street oder gehobenen Food auswählen.  

So konnten sich die Besucher nach drei pickepackevollen Festivaltagen vielleicht über Erschöpfung, Reizüberflutung und schmerzende Füße beklagen – aber sicherlich nicht über einen Mangel an einem stilvoll kuratierten Angebot. All dies macht das Flow zu einem der lässigsten und großartigsten Festivals Europas. Wir freuen uns bereits aufs nächste Jahr!

Welche Konzerte wir uns auf dem Flow Festival Helsinki angeschaut haben? Werft doch einen Blick auf unseren Instagram-Account!