Interview: Tim Renner über Reykjavík und Berlin

  • Reykjavik

Was charakterisiert eigentlich genau eine Music City; also eine Stadt, die sich über die eigene Musikszene definiert, diese unterstützt und auch vermarktet? Dieses Thema wurde beim Iceland Airwaves Festival in Reykjavík auf der sogenannten Nonconference diskutiert. Unter den Teilnehmern des Panels war unter anderem der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner. Wir haben mit ihm im Interview über die Gemeinsamkeiten der Music Cities Berlin und Reykjavík gesprochen.

Tim Renner.  (Bild: Senatskanzlei - Kulturelle Angelegenheiten)

Tim Renner.  (Bild: Senatskanzlei - Kulturelle Angelegenheiten)

Herr Renner, was macht die Music City Berlin aus?

Die Music City Berlin machen die Menschen aus, die da leben und aus aller Herren Länder kommen – auch häufig aus den nordischen Ländern. Wie Soundcloud, das aus Stockholm zu uns gekommen ist oder jemand wie Erlend Øye von den Whitest Boy Alive, der lange hier gelebt hat. Auch die meisten Streicher, die Sie auf isländischen Aufnahmen hören können, sind eigentlich Studierende in Berlin.  Für uns ist es einfach wichtig, Menschen anzuziehen. Das ist uns lange durch geringe Lebenshaltungskosten gelungen; heute muss uns das gelingen, indem wir eine perfekte Infrastruktur bieten.

Wie wird das angegangen?

Wir versuchen das, indem wir vor allem an zwei Hebeln ansetzen. Der eine Hebel sind Orte. Wir versuchen Clubs zu sichern, die ich brauche, um aufzutreten, oder Studios, die ich brauche, um zu arbeiten. Wir versuchen, Künstlern zu ermöglichen, nicht am Stadtrand oder vor den Toren der Stadt arbeiten zu müssen, sondern mittendrin. Denn das macht den Flair der Stadt Berlin aus. Außerdem versuchen wir über unsere Institutionen Künstler dazu zu bringen, sich zu professionalisieren – nicht in ihrer Kunst, sondern in der Verwertung selbiger. Denn bislangsind diejenigen, die ein bestimmtes Know-How nicht haben, die Verlierer der digitalen Revolution gewesen.

Was für Parallelen gibt es in dieser Hinsicht zwischen Berlin und Reykjavík?

Berlin hat lustigerweise eine ganze Masse an Parallelen zu Reykjavík. Einerseits haben wir, zumindest im Westteil der Stadt, auch gelernt, wie es ist, eine Insel zu sein. Wir waren ziemlich lange isoliert und umgeben von einem Umfeld, dasman nicht einfach mal so durchqueren konnte. Eine weitere gemeinsame Erfahrung beider Städte ist, einfach mal pleite zu sein und somit ohne Ressourcen arbeiten zu müssen. Außerdem kennen beide Städte die Zustrom an – an der Einwohnerzahl gemessen – hohen Touristenzahlen. Wir sind auch insofern verwandt, dass wie in Berlin in der Wahrnehmung Reykjavíks Musik eine sehr große Rolle spielt. Was wiederum an den vielen Musikern und Musikerinnen liegt, die hier her kommen. Andererseits erlebt Reykjavík auch ein erstes Clubsterben – dieses Phänomen kennen wir in Berlin ja auch. Ich würde somit sagen, dass die Entwicklung beider Orte auf eine lustige Weise parallel verläuft.

Ist Berlin in dieser Entwicklung Reykjavík einen Schritt voraus?

Durch die schiere Größe trifft es Berlin mit sichtbarerer Wucht. Wenn man in Reykjavík darüber redet, dass der erste Club verschwunden ist, sind es in Berlin gleich zehn. Im großen System werden solche Phänomene schneller sichtbar. Insofern kann man da sicher lernen. Auf der anderen Seite ist Reykjavík zum Beispiel in Sachen Edukation viel weiter als Berlin; hier hilft es uns, rüber nach Island zu schauen.

Was genau passiert hier?

Island ist in der schulischen Förderung von Kreativität viel besser; aber das gilt für viele nordische Länder. Insgesamt ist man gut darin, Talente früh zu erkennen und zu fördern. Das deutsche und Berliner Schulsystem können wahnsinnig viel davon lernen, wie das hier angegangen wird.

Aber wir sind dafür eben wegen der erwähnten früheren Sichtbarkeit ein Stück weiter, was Strategien angeht, um Flächen zu sichern. Wir haben es da aber auch ein wenig leichter als Reykjavík. Das liegt wiederum an unserer Gangart in Berlin, da hier viele Flächen in staatlicher Hand sind; die Staatsquote in Reykjavík durfte meienr Vermutung nach unter 25 Prozent liegen - in Berlin liegt sie über 50 Prozent.

Was ist Ihnen ansonsten besonders an der Music City Reykjavík aufgefallen?

Die beeindruckendsten Dinge sind die, die man nicht lenken kann. Und das ist in Reykjavík die enge Verzahnung innerhalb der Musikszene. Wenn Sie eine zeitlang mit isländischer Musik zu tun haben, treffen Sie auf eine lustige Art und Weise immer wieder auf dieselben Leute, die dann wieder in neuen Kontexten auftauchen. Das klappt da auf eine sehr nette und schnelle Art und Weise und hilft auch der isländischen Musik, sich auch wieder realativ zu wandeln und zu entwickeln. So vor fünf, sechs Jahren gab es ja einen dominanten Island-Sound, den man irgendwann nicht mehr hören konnte. Aber nun kommen zunehmend auch Sachen aus dem Bereich Cloud Rap aus Island. Und wenn Sie genauer hinschauen, wer dahinter steht, sehen Sie, dass eine Menge Leute mitmischen, dieschon bei der vorherigen Szene dabei waren. So kommt es zu einer positiven Kontinuität, zu einer Art isländischen Soundbett, dass auch neue Musikströmungen mit herüberzieht. Und das ist für die Coporate Identity im künstlerischen Sinne natürlich super.