Zu Besuch bei ... Egill Saebjörnsson


  • Berlin
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Mitten in Friedrichshain, nicht weit von der Frankfurter Allee entfernt, befindet sich in einem Hinterhof das Studio von Egill Sæbjörnsson. Der Künstler hat das eingeschossige Gebäude vor zwei Jahren entdeckt und direkt angemietet und renoviert. Er selbst beansprucht rund 70 Quadratmeter für sich; die restlichen Quadratmeter hat der Isländer untervermietet. So tummeln sich hier tagtäglich Übersetzer und Schriftsteller, Illustratoren, Spieleentwickler und Musiker. „Hier hat sich eine kleine Gesellschaft gebildet“, so Sæbjörnsson. Und immer wieder gibt es kreative Verknüpfungen untereinander.

In Reykjavik geboren und dort – exklusive einem Auslandsjahr in Paris - Kunst studiert, ist der mittlerweile 43-Jährige vor 17 Jahren in Berlin gelandet und geblieben – und hat zudem in seiner Heimatstadt eine Wohnung.

Egill Sæbjörnsson als Künstler zu bezeichnen, greift eigentlich zu kurz: In sein Portfolio fallen Arbeiten als bildender Künstler, Performer, Musiker und Komponist. Zumeist arbeitet er – mit Unterstützung von etwa drei bis vier Mitarbeitern - an mehreren Projekten gleichzeitig.

So realisiert er derzeit zusammen mit der Kuratorin Stefanie Böttcher ein Projekt, das im isländischen Pavillion der 57. Biennale in Venedig im nächsten Jahr präsentiert wird. Was genau wird denn da zu sehen sein? „Ich habe vor fünf oder sechs Jahren in Island ein paar Charaktere kennengelernt und dann angefangen, mit ihnen zu arbeiten“, erzählt Sæbjörnsson. „Genauer gesagt: Es waren Trolle. Die haben sich einfach in meine Kunstproduktion hineingezwängt.“ Als diese Wesen erfahren hätten, dass Egill den isländischen Pavillion gestalten soll, seien sie ganz aufgeregt gewesen. „Die waren ziemlich heiß darauf, an der Biennale teilzunehmen - denn die wussten, dass das was Großes ist. Und es war schwierig nein zu sagen. Die sind wie riesig große Kinder.“ Sæbjörnsson behauptet zudem, dass er keinen großen Einfluss auf das Endresultat habe – alle Ideen kämen von den Trollen. „Die wollen ein Café aufmachen, dort Vorträge halten und Musik machen.“ In der dazugehörigen Pressemitteilung wird von einem Setting gesprochen, „in dem Kunst das Alltägliche mit dem Fantastischen verschmelzen lässt, in schrulligen Observationen, in Satire über Kunst und Leben, ebenso wie über Betrachter und Macher in unseren Konsumgesellschaften.“

Ebenso charmant augenzwinkernd und zugleich mit Unmengen an Meta- und Subtext bestückt klingt die Ausstellung „Prince of Wales“, die ab dem 23. September in dem gleichnamigen Kunstraum in München gezeigt wird. „Dieser Ausstellungsraum ist zu einem Charakter geworden. Egill Sæbjörnsson hat zu einer Ausstellung dort 'Nein' gesagt, weil er wegen der Biennale zu beschäftigt ist. Und dann wurde der Prince of Wales ganz traurig und fühlte sich rejected.“ So dreht sich in diesem Projekt alles um den gekränkten Adeligen, wie er mit Unterstützung der Queen of Denmark und dem MOMA wieder auf die Beine kommt und zugleich sein Leid in Kunst umwandelt.

Wenn Egill Sæbjörnsson über seine Kunstprojekte spricht, merkt man ihm seine Begeisterung an. Jedoch in keinster Weise aus Eitelkeit, sondern in voller Liebe zu den Charakteren und Modellen, denen er Leben verleiht. Und es macht Spaß, ihm dabei zuzuhören, wie er immer wieder die Gesprächsebenen wechselt – mal phantastisch-erzählerisch, dann philosophisch-theoretisch und schließlich als Fan der Einflüsse, die ihn geprägt haben.

Im Berliner Salon Dahlmann ist seit dieser Woche seine Installation Timebridge zu sehen. Hierbei handele es sich um ein theoretisches Modell, das man „innerlich spüren“ müsse: „Wenn du vom jetzigen Zeitpunkt bis zurück zu deiner Geburt über dein Leben nachdenkst, kannst du spüren, wie lange dein Leben bislang gewesen ist. Das ist deine Timebridge.“ Mit Hilfe dieser „Brücke“ könne man zurück in sein Leben laufen. Und sich schließlich auch bewusst machen, was bestimmte Zeiträume eigentlich tatsächlich bedeuten. Wenn man also zum Beispiel 35 Jahre alt ist, und sich diese Zeit bewusst macht, kann man sich auch eher vorstellen, wie lange zum Beispiel 70 Jahre her sind. „Denn die Gegenwart ist nur die Zeit, an die du dich erinnern kannst. Und durch diese Methode kannst du auch Vergangenheit zu deiner spürbaren Gegenwart machen.“ Wichtig sei ihm hierbei ein verstärktes Geschichtsbewusstsein, um dem Prinzip des „History Repeating“ zu entgegnen. Umgesetzt wird dies über eine Spiegelinstallation - mehr wird an dieser Stelle erst einmal nicht verraten.

„Für mich ist das eine sehr untypische Arbeit“, so Sæbjörnsson. „Normalerweise arbeite ich immer mit Videoinstallationen. Aber ich dachte, dass ich mal etwas anderes machen muss. Künstler sollten nicht immer wiederholen.“

Die Ausstellung "Timebridge" im Salon Dahlmann läuft noch bis zum 26. November 2016.

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